Der Schäferstein, Bornum am Elm

Der Schäferstein.

Eine Geschichte.

Schäferstein bei Borum Elm
Der Schäferstein wie er dort steht.
...und mit nachgezogener Schrift. Nun lesbar.

Die Geschichte zum Schäferstein

Der Schäfer schaffte es nicht mehr nach Hause. Es war zu spät.

Die Wolken fast schwarz, der Wind riss an seiner Kleidung. Die Schafe blökten und drängten sich dicht aneinander. Die Hunde hielten die Herde zusammen und trieben sie in Richtung Wald.

Das Donnergrollen war lauter als der Schäfer es je mit seinen 27 Lenzen gehört hatte. Die Gewitterwolken nahmen jedes Licht, es war dunkel wie die Nacht. Die Hunde hatten die Schafe an den Waldrand gedrängt, unter den Bäumen suchten sie alle Schutz.

Von der leichten Anhöhe hatte der Schäfer einen Blick weithin bis nach Bornum und rüber zum Elm. Hier am Waldrand stand eine mächtige Eiche. Der Schäfer suchte Schutz unter ihrem Blätterdach, stütze sich auf seinen Schäferstock und beobachtete mit Bangen Herzen das Unwetter.

“Herr, steh mir bei.” dachte er wieder und wieder.

Der Regen hatte eingesetzt, der Wind peitschte ihn in jede Richtung, Blitze zuckten, gaben kurze gespenstische Eindrücke der Naturgewalt.

Der Schäfer dachte an seine Familie. Seine Frau und seine beiden Kinder waren zu Haus auf dem Hof in Sicherheit.

Er sah das Lächeln seiner Frau vor sich, er hatte Glück gehabt damals. Seinen ganzen Mut hatte er zusammengenommen, sie um einen Tanz auf dem Dorffest gebeten. Ihre Augen, ihr Lachen hatten ihn in den Bann gezogen. Aus dem ersten Tanz wurde mehr, sie heirateten und bekamen zwei Kinder.

“Ich Glücklicher.”

Seine Frau bewirtschaftete den Hof und er kümmerte sich um die Schafe. Zusammen hatten sie ein gutes Auskommen…. Blitze zuckten, Donnerschläge ließen die Erde erbeben, der Wind und Regen wütete. Der Schäfer hielt sich an seinem Schäferstock fest. Fest stand er da und trotzte dem Unwetter.

Dann war es vorbei. Der Schäfer hörte als Letztes einen lauten Schlag, sah grelles Licht. Dann war da das Nichts.

Die Frau des Schäfers ahnte es.

Sie ahnte es, aber konnte es nicht zulassen, den Gedanken zu denken. Er. Ihr Ehemann. Er war dort draußen in diesem Unwetter, hatte es nicht mehr nach Hause geschafft.

Stunden später, am nächsten Morgen schien die Sonne. Viel war zerstört.

Die Dorfbewohnter machten sich auf die Suche nach dem Schäfer. Weit entfernt, oben auf der Anhöhe unter der mächtigen Eiche sahen sie ihn stehen. Gestützt auf seinen Schäferstab sah er den Dorfbewohnern still entgegen.

Irgendetwas stimmte nicht. Der Schäfer rief nicht, winkte nicht, bewegte sich nicht.

Die Dorfbewohner kamen außer Atem oben an, der Schäfer rührte sich immer noch nicht, keine Begrüßung, kein Laut, selbst die Schafe und Hunde waren ruhig. Gespenstisch ruhig.

Die Dorfbewohner schwiegen, sie standen um den Schäfer herum, Abstand haltend, da ihnen das alles nicht geheuer war. Ihre Mützen hielten sie in den Händen.

Einer trat an den Schäfer heran, wollte ihn an der Schulter wachrütteln. Mit der ersten Berührung fiel der Schäfer zusammen und ward nur noch Staub. Nichts als Staub. Der Blitz war in die Eiche eingeschlagen und durch den Schäfer hindurch gefahren.

 

Zum Gedenken an den Schäfer stellten die Dorfbewohner einen Stein auf. Die Inschrift erinnert an sein Schicksal. Wanderern bei Gewitter zeigt der Schäfer den Weg, weg von der Eiche, hin zu Buchen.

Seiner Frau gehört immer der erste Tanz auf dem Dorffest. Die Dorfbewohner denken, sie tanze für sich, nur sie allein merkt, dass ihr Mann mit ihr tanzt.

Die Geschichte um den Schäferstein bei Bornum habe beim Geocaching kennengelernt. Sie ist im Buch “Elmsagen. Ein Beitrag zur Volkskunde des Elmgebietes” von Herrn Heinz-Bruno Krieger erschienen (Verlag Hans Oeding, 1967, S. 187). Erzählt wurde die Geschichte vom Schneidermeister Otto Luer aus Destedt. Meine Geschichte ist daran angelehnt und in großen Teilen frei erfunden.

 

© Susanne Bauer

Lesen Sie auch:

Meine anderen Texte: