Der Erdmupfel von Königslutter

Der Erdmupfel

In Königslutter wohnt ein Erdmupfel.

Wahrscheinlich der einzige Erdmupfel der Welt...

So sieht unser Erdmupfel aus…

Der Erdmupfel von Königslutter

Kennt Ihr schon den Erdmupfel aus Königslutter? Nein?

Nun, viele Menschen kennen den Erdmupfel nicht, obwohl er sich so über die Menschen freut, die an seinem Zuhause vorbeikommen.

Ihr wollt wissen, wo er wohnt…? Kennt Ihr den Dom in Königslutter? Ja? Von dort aus geht ihr in Richtung Lutterspring. Der Weg führt durch einen kleinen Wald, rechts sind Rapsfelder, links der Anstaltsteich. Ziemlich am Anfang wohnt der Erdmupfel.

Normalerweise wohnen Erdmupfel unter der Erde. Aber bei diesem Erdmupfel ist es anders gekommen.

Unser Erdmupfel freut sich immer, wenn er etwas Neues entdeckt. Er freut sich über neue Wege unter der Erde, wo die Erdmupfel wohnen, er freut sich über jedes Tierchen, das ihm begegnet. Er lernte viele Tiere kennen, die vor ihm noch niemand gesehen hatte, er unterhielt sich mit ihnen und fragte sie aus, woher sie kämen und wie es da sei.

Eines Tages traf er einen Regenwurm. Regenwürmern begegnete er oft, meistens waren sie aber schweigsam und schlängelten sich schnell weiter.

Aber dieser Regenwurm hatte Zeit und erzählte dem Erdmupfel, dass es draußen regnete.

“Was ist Regen?” fragte das Erdmupfel.

Der Regenwurm antwortete, dass das Wasser sei, was vom Himmel nach unten fiele.

“Was ist der Himmel?” Der Erdmupfel war verwirrt. “Wo ist der Himmel und wie komme ich dahin?”

Der Regenwurm lachte.

“In den Himmel kommst Du nicht, da kommen nur die Vögel hin und die Bienen, die Käfer, alle Tiere, die fliegen können.”

Der Regenwurm erzählt

Und dann fing der Regenwurm an zu erzählen, von der Erde, vom Himmel, den Bäumen, einem Bach, der Lutter heißt, von Menschen.

Der Regenwurm erzählte und der Erdmupfel staunte, fragte ihn Löcher in den Bauch, lachte über die Geschichten, fürchtete sich, als der Regenwurm von dem Vogel erzählte, der ihn beinahe gefressen hätte.

Lange saßen sie so zusammen und der Erdmupfel war ganz aufgeregt, es wurde immer spannender.

Den Himmel und die Erde, die wollte der Erdmupfel unbedingt sehen, das hörte sich fremd und aufregend, gefährlich und schön an.

Er zappelte rum, hochspringen konnte er nicht, dazu war nicht genug Platz hier unter der Erde.

“Du muss einfach immer weiter nach oben, irgendwann kommst Du raus.” Der Regenwurm zeigte mit seinem Kopf nach oben.

Unser Erdmupfel überlegte nicht lange.

Er umarmte den Regenwurm, bedankte sich und nach dem letzten “Tschüss” machte er sich auf den Weg.

Unser Erdmupfel versuchte einen Weg nach oben zu finden. Die Gänge wurden immer enger und Fäden kamen überall raus… Das war anstrengend und nach einiger Zeit lehnte er sich an eine Wand und ruhte sich aus.

“Hier oben bin ich noch nie gewesen.” dachte er sich. Er schloss die Augen und schlief ein.

Komische Geräusche weckten ihn auf.

Es hörte sich an wie ein Lachen, aber ganz hell und sehr leise. Er hörte Plätschern und Rauschen. Das waren schöne Geräusche. Sie machten ihn neugierig. Das mussten der Himmel und die Erde sein, die Menschen und Tiere draußen, von denen der Regenwurm gesprochen hatte.

Er wollte weiter.

Aber es ging nicht mehr weiter, der Gang war zu Ende.

Und nun? Traurig setzte sich das Erdmupfel auf den Boden. Nun war er so weit gekommen und konnte doch nicht den Himmel und die Erde sehen.

Er schniefte.

Plötzlich blendete ihn etwas.

Ein kleiner Lichtstrahl. Das muss die Sonne sein, das Sonnenlicht, von dem der Regenwurm gesprochen hat. Der Erdmupfel hatte es sich nicht vorstellen können, aber nun wusste er wie Sonnenlicht aussieht.

Er sprang auf, schaute nach oben, sah den kleinen Spalt. Seine ganze Kraft nahm er zusammen und stemmte sich nach oben.

Plopp! machte es und er war draußen.

Das hat der Erdmupfel gesehen, als es plopp machte

Erstmal sah der Erdmupfel nichts, das Licht blendete ihn.

Aber dann staunte er.

Und staunte und staunte.

Er staunte über die Sonne, den Himmel weit oben, die Bäume und Pflanzen, alles war so grün, er staunte über den Bach, den kleinen Wasserfall, die Vögel, die Bienen und Käfer, den Wind, der ihn kitzelte, die Sonne, die ihn wärmte, den Duft der Blüten und das Gezwitscher der Vögel.

Am meisten staunte er über die Menschen. Sie gingen am Bach entlang, allein, zu zweit oder in Gruppen, kleine Menschen und große Menschen spielten am Bach, lachten, redeten, spielten fangen, ganz kleine Menschen wurden in Wagen herumgeschoben, manchmal kamen Menschen mit zwei Rädern, oder mit einem Fahrrad.

Das alles gefiel unserem Erdmupfel so gut.

Er schaute zu, beobachtete, lachte mit, freute sich, genoss die Sonne, den Regen, den Wind.

Und seitdem er das erste Mal den Himmel und die Erde gesehen hat, kommt das Erdmupfel jeden Morgen raus und freut sich über das Leben um ihn herum.

Du kannst ihn sehen, wie er dasteht und lacht.

Nachts verschwindet der Erdmupfel wieder unter der Erde, besucht seine Freunde und erzählt mit dem Regenwurm.

Du kannst nie sehen, wie das Erdmupfel in der Erde verschwindet, weil er nichts verpassen möchte, geht er nur, wenn niemand da ist….

Der Erdmupfel freut sich, wenn Du ihm zuwinkst, ihn anlachst und manchmal zwinkert er mit dem Auge, aber das ist selten. Ich habe es auch nur einmal gesehen, als ich ihn gefragt habe, ob ich seine Geschichte aufschreiben darf.

Da hat unser Erdmupfel gezwinkert.

Erdmupfel wohnt hier im Elm
So sieht es beim Erdmupfel aus...

Eine Geschichte frei aus meinen Gedanken, nachdem ich den “Erdmupfel” bei meinen Wanderungen dort gesehen habe.

© Susanne Bauer, 2021

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